Der Auskunftgeber

Joseph Vogl analysiert in seinem Vortrag „Der Souveränitätseffekt. Markt und Macht im ökonomischen Regime“ die polit-ökonomischen Mechanismen der Finanz- und Schuldenkrise.

Es gehe nicht um die Frage, was er sei, sondern darum, was er sein wolle: Ein elegant gekleideter Mann aus Kafkas Der Process, der auf alle Fragen eine Antwort weiß, der Auskunftgeber. So leitet Josef Vogl seinen Vortrag ein und nimmt damit Bezug auf die Vorworte, in denen er als Kulturwissenschaftler, Historiker und Philosophen vorgestellt wird. Eins ist von Anfang an klar: Vogl will sich nicht in irgendwelche Schubladen stecken lassen. Und während noch über den Einstieg geschmunzelt wird, beginnt der Professor für Literaturwissenschaft mit einer “Nacherzählung” der Schicksalstage der Bankenkrise: Wie politische und ökonomische Akteure in improvisierten, geheimen, informellen Meetings innerhalb von wenigen Stunden über das Schicksal von Millionen und Milliarden entschieden.

Mit den Bildern der Krise vor Augen entwickelt Vogl nach und nach seine vier Kernthesen des Vortrags: Erstens befinden wir uns in einer Art permanenten Staatsstreichs. Rettungsaktion folgt auf Rettungsaktion, die juristische und demokratische Hürden umgehen und mit zeitlichen Notwendigkeiten begründet werden. Der Ausnahmezustand der Bankenkrise ist in den darauffolgenden Krisen längst zur Normalität geworden.

Zweitens konstatiert Vogl eine “funktionale Entdifferenzierung” von politischen und ökonomischen Institutionen. Er sieht die Macht in einer bipolaren Maschine aus wirtschaftlichen und politischen Akteuren konzentriert. Dies wird in vielen Debatten nicht erkannt, da durch die analytische Entgegensetzung von Staat und Markt der Blick auf Entdifferenzierungstendenzen verstellt ist. Dabei hat gerade der Neoliberalismus zu einer immer stärkeren Verflechtung von Politik (Staat) und Ökonomie (Markt) geführt.

Vogl’s dritte These bezieht sich auf den Titel seines Vortrags, den Souveränitätseffekt. Damit beschreibt er die Verlagerung der Souveränität von der Politik zu den Zentralbanken und Finanzmärkten. Den fulminanten Schluss des Vortrags bildet die vierte und letzte These: Im Krisenmanagement werde eine Umwandlung privater Risiken in gesellschaftliche Gefahren betrieben. Macht bedeute in diesem Kontext, so Vogl, eben jene Umwandlung betreiben zu können.

Vogl führt eindrucksvoll vor, wie ökonomisch-politische Analysen ohne Mathematik und Modellbildung wesentliches herausarbeiten können. Mit viel Wortwitz teilt er Seitenhiebe aus: die Mainstream-Ökonomen würden durch ihren Ansatz den Kern der Probleme gar nicht erkennen und sich so zum Büttel der Mächtigen machen. Und selbst vermeintlich rationale Akteure auf den Finanzmärkten führten zu einem irrationalen Kollektiv.

In der folgenden Diskussion werden einige Fäden des Vortrags wieder aufgegriffen, es kommen aber noch andere interessante Aspekte hinzu: So sei etwa im Kapital stets ein Versprechen auf die Zukunft und damit auf die Auslöschung der Vergangenheit angelegt. Durch das Kapital versuche der Kapitalist Erlösung von der Vergangenheit und ein Ewiges Leben zu gewinnen. Doch auch der Marxismus ist nach Vogl kein Ausweg, denn der sieht die Erlösung in der Politik.

Nachdem der Auskunftgeber seine scharfe Analyse vorgelegt hat, kann es einem wie Josef K. aus Kafkas Process gehen. K. sieht sich einem großen Apparat ausgeliefert, gegen dessen Willkür er sich nicht wehren kann, sodass er sich schließlich seinem Schicksal fügt. Doch Vogl bleibt nicht bei der Kritik stehen. Er fordert uns auf Alternativen zum vorherrschenden Krisendiskurs zu entwickeln, eine überzeugendere Geschichte zu erzählen. Wie diese Gegenerzählung allerdings auszusehen kann, lässt er offen.

 

Anmerkung: Der Vortrag fand am 12. Dezember 2013 im Rahmen der Reihe „Grenzen des Kapitalismus“ an der UdK statt.