Niemand hat die Absicht ein Gleichgewicht zu beweisen. Leider wirklich nicht.

Mathematische Modelle in der Volkswirtschaftslehre, insbesondere in der Makroökonomie, basieren heutzutage auf Gleichgewichtsannahmen, ohne die sie nicht lösbar sind. Ob eine Volkswirtschaft jemals im Gleichgewicht ist oder war, ist empirisch allerdings nicht nachweisbar und dies wird auch nicht versucht. Das Konzept „Gleichgewicht“ ist rein theoretisch. Um sich diesen Punkt zu vergegenwärtigen ist es hilfreich sich kurz den Prozess in Erinnerung zu rufen, durch den ein modernes Dynamic Stochastic General Equilibrium (kurz: DSGE) Modell für Politikempfehlungen genutzt wird.

Dabei werden zuerst einige Gleichungen (wie Produktionsfunktionen oder Nutzenfunktionen) festgelegt welche den Rahmen des Modells bilden und in denen sich ein Großteil der grenzdebilen Annahmen verbirgt, welche diesen Strang der VWL in der Öffentlichkeit zu Recht diskreditieren allerdings unberechtigterweise die VWL als Ganzes (rationale Agenten, keine fundamentale Unsicherheit, Arbeit = Schlecht, homo oeconomicus, individualisierte Entscheidungsfindung, u.v.m.). Mithilfe weiterer Annahmen (Homogenität, Monotonie, vollständige Märkte, Transversalität) wird sichergestellt, dass dieses Gleichungssystem mathematisch lösbar und stabil ist. Um das Modell zu lösen, wird dann allerdings schlicht und einfach angenommen, dass sich die Modellökonomie im Gleichgewicht befindet. Punkt. Eine Bedingung wie „Arbeitsangebot gleich Arbeitsnachfrage“ oder „Güterangebot gleich Güternachfrage“ wird ohne jeglichen Bezug zur Datenlage eingeführt: das Modell ist nur im Gleichgewicht lösbar, daher muss ein volkswirtschaftliches Gleichgewicht auch existieren.

Die weitere Aufgabe des modernen Makroökonomen (gendern ist hier, leider, nur in den seltensten Fällen nötig) besteht dann darin, dieses Modell mit ökonometrischen Schätzungen wie einem multiplen Zeitreihenmodell zu vergleichen. Das heißt, die geschätzten Ergebnisse aus üblicherweise drei (sic!) Datenreihen werden mit den theoretischen Ergebnissen des mathematischen Gleichgewichtmodells verglichen. In der Praxis spielt der Ökonom so lange an den Parametern des theoretischen Modells herum, bis es sich den empirischen Ergebnissen einigermaßen akzeptabel (das heißt: akzeptiert von theoretischen Makroökonomen welche ökonomische Journals editieren, hier ist gendern wirklich nicht mehr nötig) angenähert hat. Danach wird proklamiert, die Welt mit dem theoretischen Modell annähernd genau abgebildet zu haben, schließlich entspräche es ja den empirischen Daten. In einem weiteren Schritt wird das theoretische Modell dann für Politikempfehlungen genutzt, wiederum komplett getrennt von der Datenlage. Die Gleichgewichtsannahme wird ebenso unhinterfragt weiterverwendet wie die dutzenden Annahmen in den funktionalen Formen des Modells.

Üblicherweise beschäftigt sich eine Arbeit in der DSGE Makroökonomik dann mit der Aufweichung einer dieser Annahmen. So gibt es moderne Modelle mit mehreren (üblicherweise zwei) statt einem Agenten, seit der Finanzkrise viele Modelle mit einer stilisierten Finanzmarktfriktion u.v.m. Auf diese Weise lässt sich jede Kritik an DSGE Modellen mit dem Argument kontern, dass vor X Jahren Mr. Y in dem renommierten, da von anderen DSGE Ökonomen empfohlenen, Journal Z mal ein Papier geschrieben hat welches genau diesen einen Kritikpunkt einbaut. „There are papers which do that!“ Das Problem bei dieser ‚Verteidigung‘ ist, dass das nächste DSGE Papier wieder vom Standardmodell ausgeht. Die Komplexität solcher Modelle machen es schwer verschiedene Annahmen gleichzeitig aufzulösen und die o.G. Editoren belohnen „sparsame“, also kleine, Modelle, nicht realistische. An diesem Punkt der Unwiderlegbarkeit der reinen DSGE Lehre muss selbst Popper, nicht eben als die Speerspitze der Revolution bekannt, im Grabe rotieren.

Die Kritik an DSGE Gleichgewichtsmodellen ist nicht den heterodoxen Kritikern vorbehalten die man mit einem Hinweis darauf, dass sie keine richtigen Professuren an den Universitäten haben aus denen man die wegen ihrer heterodoxen Publikationen heraushält, in der öffentlichen Debatte diskreditieren kann. Für interessierte Leser*innen daher einige Lesetipps innerhalb des Mainstream: Hashem Pesaran, einer der erfolgreichsten Ökonometriker weltweit und Professor in Cambridge scheint eine klare Meinung zu haben (Pesaran und Smith, 2011), in den Papers and Proceedings des American Economic Review finden sich Juwelen (Colander et. Al, 2008) und allgemeinere wissenschaftsphilosophische Texte schaffen es auch ab und an in beliebte Journals (Caballero, 2010). Es liegt an uns ihnen mehr Gehör zu verschaffen und an den Universitäten und Berufungskommissionen, den selbstreferentiellen DSGE Makroökonomen nicht jeden Makrolehrstuhl zu überlassen sondern mehr Empiriker an die Uni zu holen und im theoretischen Bereich mehr Bandbreite zuzulassen.

Quellen:

Caballero, Ricardo J., 2010. Macroeconomics after the Crisis: Time to Deal with the Pretense-of-Knowledge Syndrome. Journal of Economic Perspectives 24(4), 85-102

Colander, David, Howitt, Peter, Kirman, Alan, Leijonhufvud, Axel und Mehrlich, Perry, 2008. Beyond DSGE Models: Towards and Empirically Based Macroeconomics. American Economic Review: Paper and Proceedings, 236-240.

Pesaran, M. Hahem und Smith, Ron. P., 2011. Beyond the DSGE Straightjacket. The Manchester School 79(2), 5-16.