Ökonomie als Comic erklärt

von Andreas Brettermeier

Vielversprechende Worte begleiten ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders: „Das muss gut sein, darüber habe ich einen Verriss von ’ner FAZ-Wirtschaftsredakteurin gelesen.“ Das Buch hat es in sich, die Themen riechen nach grauer Theorie und mathematischen Formelbergen: Ökonomische Zusammenhänge und die Wirtschaftsgeschichte der letzten rund 250 Jahre sollen allgemeinverständlich erläutert werden. Klingt nicht nach dem ersten Versuch, ist allerdings der erste in gezeichneter Form. Und er funktioniert: Witzig, unterhaltsam, spannend, aber trotzdem wissenschaftlich fundiert werden komplexe Themen in schwarz-weiße Zeichnungen herunter gebrochen (schlechte Wortspiele mit „schwarz-weiß“ als Charakterisierung angeblicher Einseitigkeit seien der FAZ-Kollegin überlassen). Auf rund 300 Seiten leisten Michael Goodwin und Dan E. Burr hervorragende Aufklärungsarbeit, die nicht nur angehenden Ökonom*innen wärmstens zur Lektüre empfohlen sei.

Comics sind nicht nur für Kinder

(c) Jacoby & Stuart

(c) Jacoby & Stuart

Wer so aufgeschlossen denkt, wird an der kurzweiligen Erzählweise und dem Format des Buchs mehr Freude haben als die FAZ-Redakteurin, die es mangels Ausgewogenheit und ob der Parteinahme für die „extremen Antikapitalisten à la Occupy Wall Street“ ihrem Nachwuchs lieber vorenthalten möchte. Womit wir auch schon im politischen Kern angekommen sind. Denn das Buch bezieht seine Stärke gerade daraus, dass es Position bezieht und streitbar mit Mythen der intellektuellen Butler des Kapitals aufräumt. Ein Beispiel: Wo ein Mainstream-Ökonom ruft: „Eine steigende Flut macht alle Boote flott!“, steht ein armer Schlucker daneben und sagt: „Hab aber kein Boot.“ Ähnlich anschaulich wird erklärt, dass zwar die akademische VWL ihre Modelle stark erweitert und den neoklassischen Simplizismus in der Forschung z.T. hinter sich gelassen hat, gleichwohl die öffentliche ökonomische Debatte in den 70er Jahren stehen geblieben ist. Unterhalten sich zwei Ökonomen: „Unbeaufsichtigte Märkte sind großartig.“ „Ich widerspreche: Unbeaufsichtigte Märkte sind vollkommen.“ Wobei hier einschränkend angemerkt sei, dass sich das komplette Buch sehr stark auf die USA fokussiert.

Fundierte wirtschaftshistorische Darstellung

In acht Kapiteln begleitet uns der Erzähler-Protagonist durch die Welt der ökonomischen Denkschulen, die jeweils in ihren zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet werden. So versteht man beispielsweise, warum Adam Smith im 18. Jahrhundert zum „laissez-faire“ gegenüber Großunternehmen riet – damals brachen die nämlich regelmäßig zusammen, weil die Nachteile der notwendigen Koordination die Vorteile großer Marktmacht überwogen. Als im 19. Jahrhundert allerdings moderne Kommunikationsmittel erfunden wurden und sich noch die entfernteste Zweigstelle per Telegraf oder später per Telefon dirigieren ließ, wurde Marktmacht ein Problem und verschwand nicht mehr von selbst durch die „Kräfte des Marktes“. So wurde Regulierung notwendig, oder die Übernahme in öffentliche Verwaltung. Auch die besonderen Voraussetzungen, unter denen David Ricardos Theorie des komparativen Kostenvorteils gültig ist, werden erläutert und nagen so am vermeintlichen „Freihandel ist immer super“-Konsens der Wirtschaftswissenschaft. Weiter geht es mit Marx, dessen Theorien zwar passabel zusammengefasst sind. Die Darstellung ihrer weiteren Entwicklung und der realsozialistischen Umsetzung gerät dagegen etwas holzschnittartig, was mit Blick auf das amerikanische Zielpublikum des Buchs zu entschuldigen ist. Die Liste der behandelten Themen ließe sich fortsetzen: Der erste Weltkrieg, die große Depression der 1930er Jahre, die „Goldene Ära“ der Nachkriegszeit, Reagonomics, die New-Economy-Blase, der Crash von 2008 – alles vorzüglich erklärt.

Warum die Autoren sich keine Freunde in der Mainstream-Ökonomik machen

„Ich bin der Überzeugung, dass die heutigen Rechtfertigungen für extreme Ungleichheit bei der Verteilung von Reichtum und Macht sich genauso als Blödsinn erweisen werden wie die von gestern und verschwinden werden wie diese.“ So spricht der Protagonist des Comics auf Seite 199 und gibt damit einen guten Eindruck der progressiven Zielrichtung des Buches. Zustimmen lässt sich ebenso der Einschätzung, dass die nächste Finanzkrise nicht lange auf sich warten lassen wird und die übergroße Mehrheit der Bevölkerung darauf vorbereitet sein muss. Beim nächsten Finanzcrash werden wir die Gelegenheit haben, die Bedingungen zu diktieren, wenn „notleidende Banken“ nach Hilfe rufen. Sie zu nutzen wird leichter, wenn mehr Menschen ihre Scheu vor der vermeintlich langweiligen Welt der Wirtschaft ablegen. Dazu kann dieses Buch einen hervorragenden Beitrag leisten. Dem Vorwort Rudolf Hickels, der es zur offiziellen Aufnahme in die Literaturlisten der Basislehre an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten empfiehlt, möchte ich mich vorbehaltlos anschließen.

Michael Goodwin: „Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht)“, mit Illustrationen von Dan E. Burr, aus dem Amerikanischen von Edmund Jacoby, Verlag Jacoby & Stuart 2013, 304 S., 19,95€.