Wir sind hier nicht an der Charité – Kritik ökonomischer Ärzte

Ökonomen sind Therapeuten, sagt der Verhaltensökonom George Loewenstein. Sie sind wie Ärzte, sagt Hans Werner Sinn. Dieses Selbstverständnis suggeriert eine Analogie zwischen medizinischer Diagnostik und ökonomischer Analyse. Es legt zum einen eine medizinisch-naturwissenschaftliche Objektivität sowie Distanz zum Forschungsgegenstand nahe. Zum anderen verschiebt es die Diskussion um politische Entscheidungen weg von der Frage „Was ist gesellschaftlich wünschenswert?“ hin zu der Frage „Was ist gesund?“.

Diese Sichtweise blendet aus, dass es im politischen Feld nichts gibt, was per se gesund ist. In einer Gesellschaft kann z.B. Übergewicht als unerwünscht gelten, während es in einer anderen als Zeichen des Wohlstands wahrgenommen wird. Die ökonomische Diagnostizierung der Gesellschaft beinhaltet zwangsläufig die Vorstellung einer gesunden Norm, die es zu erfüllen gilt. Die Entwicklung unserer Gesellschaft ist aber Verhandlungssache – es gibt keine Norm, die diese a priori vorgibt. Das Verständnis von einer gesunden Norm prägt allerdings implizit die Gesellschaft, die es zu analysieren gilt. Die vermeintlichen Therapeuten erhalten das Recht über die Abweichungen von der Norm zu urteilen. Dies passiert z.B. wenn der Verhaltensökonom Colin Camerer in einem Paper schreibt, dass die Rationalitätsannahmen der Verhaltensökonomik sinnvolle Darstellungen von optimalem Verhalten sind und daraufhin ein Modell entwirft, was anderes Verhalten eindämmen und den unwissenden und irrationalen Menschen „helfen“ soll. Das gleiche passiert, wenn deutsche Politiker und Ökonomen sich das Recht herausnehmen, über die Wirtschaftspolitik anderer Länder, wie z.B. Griechenland zu entscheiden. Sie sprechen dann vom Patienten Griechenland. Diese Analysen und die darauf basierenden Medikamente sind keine Naturgegebenheiten, sondern höchst politische Entscheidungen. Ihnen muss mit der Rückfrage begegnet werden, was wir eigentlich als gesunde Gesellschaft verstehen, was optimales Verhalten ist und was die Normen der Gesellschaft sein sollen? Diese Frage gehört an jede wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, denn sie bildet die Grundlage jeder ökonomischen Analyse. Ökonomik ist politisch. Sie definiert und ändert den öffentlichen Diskurs. Sie hierarchisiert und beurteilt Verhalten und Politik. Die Ökonomik und Ökonomen sind keine Mediziner, die aus der gemütlichen objektiven Ferne diagnostizieren. Die Ökonomik befindet sich zusammen mit allen anderen inmitten des komplexen, politischen und individuell abweichenden Chaos namens Gesellschaft. Zum großen Maße beeinflusst und bestimmt sie die Entwicklung dieser Gesellschaft. Es wird Zeit, dass die Ökonomik sich der damit einhergehenden Verantwortung stellt.

 

Quellen

Camerer, Colin (1999). „Behavioral economics: Reunifying psychology and economics“. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 96(19): 10575–77.

Loewenstein, George, and Emiliy Haisly (2010). „The Economist as Therapist“. In The Foundations of Positive and Normative Economics, Andrew Caplin and Andrew Schotter (eds.), 210–48. Oxford University Press.