Die Festigkeit des Denkens an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät

Kommentar zum Jubiläumskolloquium anlässlich 20 Jahre Neugründung der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät

„Von Marx Schoß auf die Schultern der Giganten“, so beschrieb Prof. Dr. Kamecke, der Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der HU Berlin, den Übergang von der Fakultät von der DDR zum wiedervereinigten Deutschland. Das Zitat beinhaltet nicht nur seltsame Geschlechtszuschreibungen, sondern weist auch auf fehlendes Geschichtsbewusstsein hin. Vor der Wende, so Kamecke, war freies Denken nur in wenigen Nischen möglich. Mit der Struktur- und Berufungskommission unter der Leitung von Wilhelm Krelle wurde das freie Denken in der Wirtschaftswissenschaft indes fest etabliert; soweit die Darstellung im Rahmen des feierlichen Kolloquiums zur 20-jährigen  Neugründung der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät am 03.12.2013.

Was wird bei dieser Fortschrittsgeschichte vergessen? Sehr viel, wenn ein Vortrag Till Düppes  aus dem Juli diesen Jahres bedacht wird. Düppe, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsgeschichte und mittlerweile Assistenzprofessor an der Université du Québec à Montréal, forscht unter anderem zur Geschichte der Wirtschaftswissenschaften an der HU .

So zeigte Düppes Vortrag, dass die Wende eine beispiellose Entlassungswelle an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zur Folge hatte. Ein Großteil des wissenschaftlichen Personals wurde ab 1991 unter der Leitung des damaligen Gründungsdekans Wilhelm Krelle ausgetauscht – durch sogenannte Westkollegen, vorzugsweise aus der Mathematik oder Physik. „Kein Marxist wird seinen Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzen, solange ich hier das Sagen habe“, soll Krelle gesagt haben. Eben diese rigorose Neustrukturierung der Fakultät veranlasste Studierende zu Nachforschungen über dessen Werdegang. Sie wurden fündig: Krelle, 18-jährig in die Wehrmacht eingetreten, kämpfte unter anderem im Afrika-Korps unter Rommel und wurde offenbar 1944 zur Waffen-SS abgeordnet. Da Krelle aber keiner Kriegsverbrechen angeklagt war und nie Mitglied der NSDAP gewesen ist, hatte dies für seine Tätigkeit an der HU Berlin keine Folgen, auch nicht die geforderte Aberkennung der Ehrendoktorwürde. Dass Wehrmachtsangehörigen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen generell untersagt war, wurde laut der Wochenzeitung „Der Freitag“ (20.04.2007) jedoch nicht bedacht.

Krelles vermeintlich entpolitisierende Neugründung sollte der Fakultät internationale Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen. Dass damit aber auch jegliche Errungenschaften, zum Beispiel umweltökonomische Ansätze oder der Methodenpluralismus der in der DDR interdisziplinär angelegten Wirtschaftswissenschaften,  ausradiert wurden, hört man auf den Schultern der Giganten wohl nicht so gern. Ein Raum für Fragen oder Diskussion wurde  jedenfalls nicht eröffnet. So verharrte das Jubiläumskolloquium in seiner Selbstbeweihräucherung, und arbeitete ganz und gar weiter an der Festigkeit des freien Denkens in den Wirtschaftswissenschaften.