Klarstellung zu „Die Leere der Ökonomie“ im Tagesspiegel

Da infolge des Artikels „Die Leere der Ökonomie im Tagesspiegel vom 5. Januar auf viel Resonanz stieß, hier einige Anmerkungen dazu:

Vorangestellt sei, dass wir in dem Interview deutlich gemacht haben, dass uns der Dialog und die Diskussion mit den Professor*Innen der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sehr wichtig sind. Leider fand dieses Anliegen keinen Eingang in den etwas einseitigen Artikel.

 

„Krise? Welche Krise? Das fragen sich Lisa Großmann und Felix Kersting immer öfter, wenn sie im Hörsaal sitzen und ihren Professoren lauschen. „In unseren Vorlesungen kommt die Finanzkrise kaum vor“, sagen sie. […] Für das Fach haben sie sich bewusst entschieden: Großmann und Kersting wollen verstehen, wie und warum es zur Krise kam. Doch Antworten darauf haben sie im Studium bislang nicht bekommen.“

Wir haben in dem Interview deutlich gemacht, dass wir nur für das VWL Master-Studium sprechen können. Unser Eindruck aus den Pflicht und Wahlpflichtveranstaltungen ist allerdings tatsächlich so, sie lassen die Finanzkrise weitestgehend außen vor. Natürlich mag es angewandte Veranstaltungen geben, in denen es anders ist. Wir haben explizit und mehrfach darauf verwiesen, dass zum Beispiel Veranstaltungen zur Wirtschaftsgeschichte und Verhaltensökonomik sich dem Thema verstärkt widmen. Keine Aussagen haben wir zu den Forschungsprojekten und der Ausbildung der Doktorand*Innen gemacht.

Geändert haben sich die Lehrpläne an den Universitäten aber seitdem nicht. Studenten wie Felix Kersting und Lisa Großmann können das nicht verstehen und begehren jetzt auf.

An vielen Wirtschaftsfakultäten tun sich Nachwuchsökonomen derzeit zusammen und fordern eine Reform der Lehrpläne. Kersting und Großmann engagieren sich an ihrer Universität in einer Gruppe, die sich „Was ist Ökonomie?“ nennt. An der FU Berlin suchen die Kritischen Wirtschaftswissenschaftler „alternative Ansätze zur Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft“. In Hamburg, Heidelberg und Mainz setzen sich Studenten im Arbeitskreis Real World Economics für die „Vielfalt ökonomischer Theorien“ ein.

Hier sehen wir uns richtig wiedergegeben und waren auch sehr damit zufrieden, mit der Beteiligung einiger Professor*Innen das Symposium „Über Ökonomie Denken – Ökonomie Überdenken“ veranstalten zu können.

Die Studenten stört deshalb, dass die Neoklassik die einzige Theorie ist, die ihnen im Studium ausführlich beigebracht wird. Andere Strömungen wie der Keynesianismus oder der Marxismus kommen nur am Rande vor. „Es wird einfach ein Weltbild vorgegeben und es wird nie hinterfragt oder diskutiert“, sagt Lisa Großmann. Sie würde im Studium gerne mehr darüber lernen, welche Meinung Denker anderer Schulen wie etwa Friedrich August von Hayek, Milton Friedman oder Karl Marx vertreten haben.

Dieser Absatz ist in mehrerer Hinsicht problematisch. Zweifelsohne dominiert ein „Weltbild“. Jedoch ist die so oft vorgenommene einseitige Reduktion auf Marxismus und Keynesianismus als Alternativen auch nicht unsere Forderung und spiegelt sich auch in keiner Weise in unserem studentischen Kolloquium wieder. Zum einen wären daneben noch beispielsweise alte Institutionsökonomik, feministische Ökonomik und Umweltökonomik zu nennen, zum anderen geht es uns vor allem um den interdisziplinären Austausch, da wir der Überzeugung sind, dass auch aus anderen Fächern wichtige Beiträge zu ökonomischen Themen kommen. Darüber hinaus ist Milton Friedman gewiss kein Denker einer anderen Schule, mit dem Verweis auf diese wichtigen Ökonomen hatten wir im Interview nur kurz erwähnen wollen, dass Originaltexte wertvolle Einsichten bieten können. Ferner thematisieren wir oftmals auch aktuelle Entwicklungen wie die Verhaltensökonomik oder die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der VWL.

Felix Kersting und Lisa Großmann sehen das genauso. Jede Woche organisieren sie deshalb ein Kolloquium, in dem sie sich all das beibringen, was sie in den Vorlesungen vermissen. Zu diesen Treffen kommen längst nicht nur Volkswirte, sondern auch Physiker, Ethnologen oder Literaturwissenschaftler. Ihre abendliche Zusatzveranstaltung sei mittlerweile sogar im Vorlesungsverzeichnis eingetragen. Nur Noten gibt es für sie nicht.

An dieser Stelle sehen wir uns richtig wiedergegeben. Uns ist es wichtig einen offenen Diskussionsraum zu gewährleisten und zu etablieren. Die Resonanz auf dieses Kolloquium zeigt auch, dass dieses Angebot nachgefragt wird.

Wir haben an der Universität und im öffentlichen Diskurs die Erfahrung gemacht, dass aus anderen Fachbereichen sehr einseitige Urteile über die Volkswirtschaftslehre kommen. Diese Einseitigkeit scheint uns wenig gewinnbringend. Unser Interesse mit Ihnen zusammen wäre ein konstruktiver Dialog. Gerne würden wir weiter mit den Vertreter*Innen der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zusammen in den kommenden Monaten zu verschiedenen Themen Diskussionsveranstaltungen organisieren. Von unserer Seite wären folgende Themen spannend:

  • das Verhältnis von Verhaltensökonomik und Psychologie (Armin Falk zeigte daran ebenso Interesse wie Gerd Gigerenzer),
  • die Rolle von Ungleichheit für die makroökonomische Entwicklung (angefragt sind Lutz Weinke und Sebastian Dullien),
  • Wege der interdisziplinären Diskurses zur Wirtschaftskrise zwischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (hier haben Nikolaus Wolf und Ina Kerner bereits zugesagt)

Gerne würden wir weitere ähnliche Veranstaltungen unter Mitarbeit von Vertreter*Innen der Fakultät konzipieren, um eine Praxis des Dialogs an unserer Fakultät zu etablieren und auch die Vielfalt ökonomischer Perspektiven weiter kennenzulernen.